Mittwoch, 26. Februar 2003

Druschba, Alexej & die Banja

Vom Aquarium-Naled fuhren wir dem Chrebet (Gebirge) Ulachan-Tschistaj entlang zum Fluss Tirechtjach. Dieser führte uns ins breite Momatal. Links von uns befand sich das Gebirge mit dem Pabeda, der mit 3003 m der höchste Berg Sibiriens ist. Rechts konnten wir bereits das Momagebirge sehen, das uns noch von Sirjanka trennt.

Unser Lager wollten wir bei einer Hütte neben einem gefrorenen See aufschlagen. Sie wurde von Alexej bewohnt. Diesen mussten wir aber zuerst im nahen Dorf Sasyr abholen.

Wir wollten seine Banja (Dampfbad) benutzen. Dazu benötigt es Holz und Wasser. Das Wasser besorgten wir in der Form von Eis aus der Moma. Das Eis wird mit der Motorsäge aus dem Fluss geschnitten. Das sowjetische Modell heisst Druschba (Freundschaft). Es besitzt keinen Flugzeugvergaser. Das heisst, man muss sie immer gleich halten. Wenn ein anderer Winkel gewünscht ist, muss das Blatt verstellt werden.

Urs Twellmann nutzte die Gelegenheit und baute mit der Druschba und dem Momaeis eine Skulptur.

Die Banja wurde eingeheizt und nun begann das Warten, bis sie bereit war. In der Hütte hatte Alexej einen einfachen Ofen in der Mitte, der die Hütte sehr gut heizte. Alexej kochte darauf eine ausgezeichnete Rentiersuppe. Die Banja war noch nicht bereit und Alexej begann, uns aus seinem bewegten Leben zu erzählen und Handorgel zu spielen. Später erfuhren wir, dass er wegen Polizisten-Mord 13 Jahre im Lager war.


Alexej & Hausi musikieren

Eigentlich wollten wir das mitgebrachte Gerber-Fondue nach der Banja geniessen. Weil sie noch nicht bereit war, begannen wir das Fondue auf dem Gaskocher aufzuwärmen. Wir genossen das Stück Heimat. Sogar Paul konnte seine Bedenken gegenüber dem Instantfondue abbauen. Bei den Einheimischen war das Echo durchzogen.

Es war nun schon nach Mitternacht und wir beschlossen, in die Banja zu gehen, obwohl sie noch nicht bereit war. Der Boden war zugefroren, die Luft lauwarm und das Wasser warm. Eigentlich sollte alles heiss sein. Wir zogen uns drinnen aus, wuschen uns am Zuber. Auf das Wälzen im Schnee verzichteten wir.

Start: N 64° 51' 15.4" O 145° 55' 50.2" um 08:55
Ziel: N 65° 8' 35" O 146° 57' 40.8" um 14:54
Distanz: 76.000 km
Fahrzeit: 04h 37’
vø: 16 km/h

Dienstag, 25. Februar 2003

Aquarium & Sonnenuntergang

Zum Frühstück gab es den Rest von Pauls Pouletsuppe. Die Fahrt folgte dem Fluss Amtagatsch, bis wir nach Norden zu einem Pass abbogen. Die Berge auf beiden Seiten des Simniks waren weich geformt wie Sanddünen. Nach dem Pass waren die ersten Berge mit scharfen Kanten am Horizont zu erkennen.

Neben einem gewaltigen Naled parkten wir die Wachtowkas. Naleds entstehen in Flusstälern, indem Wasser über das Eis fliesst und dabei gefriert. Dieser Naled wird wegen seinem klaren Eis Aquarium genannt. Ein wahr gewordener Traum für Urs Twellmann.

Wir wagten es noch einmal, den Tee im Freien zu machen. Die Esswaren brachten wir aber erst ins Freie, als das Teewasser auch bereit war.

Nach dem Abwasch folgte ich Michael, Hausi und Louis auf einen nahen Hügelzug. Der Aufstieg in den Filzstifeln war nicht so einfach. Von dort hatte man eine vorzügliche Aussicht auf den Naled, die Täler in der Umgebung und die Berge im Hintergrund.


Die Hasselblad wird von Louis in Position gebracht

Wir warteten drei Stunden, um von dort den Sonnenuntergang zu geniessen. Das Lichtspiel am östlichen Horizont begann, indem sich die Berge Orange verfärbten. Der Himmel dahinter begann mit Tiefblau und ging langsam über zu Violett und Orange.

Das Nachtessen war bereit, als wir zurückkamen. Wir konnten die Kalorien nach dieser Tour gebrauchen.

Start: N 64° 36' 57.2" O 145° 29' 38.5" um 09:30
Ziel: N 64° 51' 15.4" O 145° 55' 50.2" um 13:00
Distanz: 39.500 km
Fahrzeit: 02h 43’
vø: 15 km/h

Montag, 24. Februar 2003

Pouletsuppe & Ende des Trasses


Umtanken

Das Frühstück brauchte seine Zeit, denn die Küche war wegen des Wasserunfalls in einem desolaten Zustand. Paul gab mehr als sein bestes und zauberte aus dem Chaos die beste Pouletsuppe meines Lebens.

In der Zwischenzeit trafen wir die Schulvorsteherinnen des Ortes und übergaben ihnen Schulmaterial für 215 Kinder des Kindergartens bis zur zweiten Klasse. Als dank erhielten wir wunderbare Atlanten von Sacha mit vielen statistischen Daten.

Ein Teil der Gruppe war auf der Suche nach einem kleinen Teekrug für die Sawarka (Teekonzentrat). In ganz Ust-Nera gab es keinen zu kaufen. Bei der russischen Methode zum Teebrauen wird ein Teekonzentrat (Sawarka) angesetzt. Zum Beispiel in dem kleinen Kännchen auf dem Samowar. Davon giesst man etwas in die Tasse oder das traditionelle Teeglas und füllt es mit heissem Wasser auf - zum Beispiel aus dem Samowar.

Die ersten 80 km der heutigen Fahrt legten wir noch auf dem Trasse Jakutsk-Magadan zurück, das Mitte des letzten Jahrhunderts von Gefangenen erstellt wurde. Von hier an gab es nur noch Simniks bis Sirijanka. Dies sind unbefestigte Wege. Sie sind nur im Winter befahrbar. Die Flüsse müssen stark genug zugefroren sein, damit sie einen Lastwagen zu tragen vermögen. Die Fahrer der ersten Lastwagenkolonne, die einen Simnik in Dezember oder Januar eröffnet, brauchen gute Ortskenntnisse, viel Zeit und Treibstoff. Das lohnt sich, weil sie dann die ersten sind, die die Dörfer versorgen können. Im Sommer ist dies nur auf den Flüssen möglich.

Der Simnik begann kurz vor einem Ort namens Pobeda (Sieg) auf dem Fluss Burustach. Das Flussbett ist hier auf der Suche nach Gold gründlich umgegraben worden. Nach 45 km auf und neben dem Fluss ging es über eine holprige Wasserscheide. Es hatte dieses Jahr weniger Schnee als üblich. Das macht den Weg eisiger und rauher zum darauf fahren.

Die Fahrer waren etwas skeptisch, als sie die Eigenkreation aus Hirse und Curry sahen, die Paul zum Nachtessen auftischte. Es schmeckte jedoch ausgezeichnet.

Diese Nacht parkte neben uns ein Lastwagen mit 4000 Flaschen Wodka. Ausserdem spielte uns diese Nacht der Wind übel mit. Wir konnten den Kamas stellen wir wollten. Immerzu blies es uns Abgase in die Kabine.

Start: N 64° 33' 51.2" O 143° 14' 18.2" um 12:55
Ziel: N 64° 36' 57.2" O 145° 29' 38.5" um 20:03
Route: 151.500 km
Fahrzeit: 05h 34’
vø: 27 km/h

Sonntag, 23. Februar 2003

Wurst-, Käse- & Schokoladeglace


Vor dem Kältedenkmal in Oimjakon

Heute wollten wir Ust-Nera erreichen. Von Oimjakon würde ein 200 Kilometer langer Simnik dahin führen. Unsere Fahrer kannten diese Strecke nicht und sie wollten darum das Risiko nicht eingehen. Wir mussten also ein gutes Stück auf dem gleichen Weg zurück bis zum Kraftwerk und dann auf das Trasse nach Norden abbiegen.

Zuerst musste wir aber unserer Fotopflicht am Kältedenkmal in Oimjakon nachgehen. Die Fahrer bildeten dazu einen Spalier mit ihren Wachtowkas.

Bein einer Brücke fanden wir eine offene Stelle im Eis, an der wir unseren Wasserkanister füllen konnten. Dies war auch eine gute Gelegenheit für einen Teehalt. In Russland gibt es keinen Tee ohne etwas kleines zu Essen. Hausi hatte die Idee, den Tee im Freien aufzubauen, denn das Wetter war wie immer prächtig. Es stellte sich heraus, dass dies bei -30 Grad nicht so eine gute Idee ist. Wurst, Käse und Schokolade waren in Kürze tiefgefroren. Zum Tee gab es also Glace mit etwas ungewöhnlichem Aroma.

Gegen 16 Uhr erreichten wir die Weggabelung. Die Bezirkshauptstadt Ust-Nera erreichten wir um 22 Uhr, nachdem wir zwei Pässe überquert hatten.

Kaum einer glaubte während dem Tag daran, aber Hausis Traum ging Erfüllung. Im Hotel Solnetschnaja hatte es noch Zimmer frei. Sie mussten aber zuerst noch zurechtgemacht werden.

Paul gönnten wir eine Pause. Wir assen das Nachtessen in einem "chinesischen" Restaurant. Trotz der späten Stunde an einem Sonntagabend waren noch viele Gäste da, die zu russischer Popmusik tanzten. Heute wurde der Tag der Armee gefeiert und deshalb ist der Montag ebenfalls arbeitsfrei. Von einem Festtag muss man sich schliesslich erholen.

Um Mitternacht konnten wir das Hotel beziehen. Die Türe zur Kabine des Kamases war jedoch zugefroren. Der Wasserkanister musste während der Fahrt umgefallen sein und das Wasser hat als Eis die Türe versiegelt. Ausserdem war das Schloss seit Beginn der Fahrt in einem schlechten Zustand. Die Fahrer brauchten eine Stunde, bis sie die Türe offen hatten. Das geschah bei -45 Grad und gleich neben dem Auspuff des Lastwagens.

Das Zimmer war einfach und die Dusche ein Genuss. Paul hatte jede Steckdose mit Akkus belegt. Sein Bett war äusserst unbequem und er verbachte die Nacht damit, geladene Akkus mit ungeladenen zu ersetzen. Ein paar Unentwegte zog es noch einmal ins Restaurant. Ich zog das Bett vor, wenn man schon mal eines hat. Zum Glück, denn sie erhielten Wodka von minderer Qualität, was nicht allen guttat.

Start: N 63° 27' 51.8" O 142° 46' 41" um 09:40
Ziel: N 64° 33' 51.2" O 143° 14' 18.2" um 22:22
Distanz: 412.200 km
Fahrzeit:10h 13’
vø: 40 km/h

Samstag, 22. Februar 2003

Kältepol


Wassili am Steuer des Urals

Paul stand bereits um halb sechs auf, um uns Hörnli zum Frühstück zu machen. Leider hatte er zuwenig Wasser und Teigwaren aus Hartkornweizen sind selten in Russland. Es sollte das letzte Mal sein, dass Pauls Küche nicht ganz alle Erwartungen restlos erfüllte.

Vor der Abfahrt fand Luis die Stativ-Schraube für die Hasselblad wieder, die er am Vorabend am Flussufer im Schnee verloren hatte. Die Fahrt folgte noch etwas dem Fluss Chandige. Über eine 1300 Meter hohe Wasserscheide bogen wir nach Nordosten ab. Der Aufstieg folgte entlang mehrere Naleds (ewiges Eis im Tal) zu einer Meteostation. Hier kauften die Fahrer Treibstoff. Die Tannen in dieser Hochebene waren wie mit Puderzucker überzogen. Es waren mehrer Fotostops nötig, um all diese Pracht "einzufangen".

Bei einem Kraftwerk gaben wir drei und im Bauerndorf Jutschegei 38 Kindern Schulsachen. In Jutschegei erhielten wir von der Lehrerin - ich habe noch nie einen Lehrer in Russland getroffen - kunsthandwerkliche Taschen und Wandbehänge.

Beim Eindunkeln erreichten wir Tomtor. Beim Dorfeingang befindet sich eine Gedenksäule für die Rekordtemperatur von -71.2 Grad von Oimjakon. Wir machten eine Photohalt und fuhren über einen Simnik (Wintertrasse) nach Oimjakon.

Ausserhalb des Ortes parkten wir im Schnee. Das Nachtessen bestand aus Risotto mit Wurst. Ein Problem ist die Wasserknappheit. Schnee und Eis schmelzen braucht Zeit und viel Gas. Eine Quelle würde es einfacher machen. Doch das ist schwierig bei -47 Grad.

Start: N 63° 8' 2.6" O 138° 46' 28.5" um 08:00
Ziel: N 63° 27' 51.8" O 142° 46' 41" um 18:20
Distanz: 296.300 km
Fahrzeit: 08h 03’
vø: 37 km/h

Freitag, 21. Februar 2003

Wandern auf Eis & Schnee



Paul hatte eine schwere Tasche voller Rösti aus der Schweiz mitgebracht. Das war unserer Frühstück.

Beim Stuhlgang danach hinter der verfallenen Meteostation stand ich mit meinen Filzstiefeln auf einen rostigen Nagel. Zum Glück war die Wunde nur klein und mit Desinfizieren war das Problem gelöst. Merke: Vorsicht, wohin du mit Filzstiefeln trittst.

Wir waren kaum losgefahren, als Paul seine Leica vermisste. wir kehrten um und suchten den Lagerplatz ab. Das war zwecklos, denn es stellte sich heraus, dass sie in meiner Jackentasche war. Paul musste die Jacken am Vorabend verwechselt haben und in so einer dicken Jacke fällt eine Kamera kaum auf.

Die Fahrt dauerte nur etwa eine halbe Stunde. Bei einer Brücke hielten die Wachtowkas und wir machten uns bereit für eine Wanderung im Schnee. Ich hatte keine grosse Lust, im Schnee ein steiniges Bachbett hochzusteigen und kehrte bald zum Fluss zurück. Das Eis war hier kaum mit Schnee bedeckt und zu pittoresken Strukturen erstarrt. Am anderen Flussufer entdeckten wir Spuren von Baranen (wilden Schafen).

Das Nachtlager schlugen wir weiter im Osten auf. Sergej kochte zusammen mit Paul Fohlenfleisch mit Kartoffeln. Die grosse Arterie, die in meinem Teller landete, soll angeblich eine Delikatesse sein. Ich hatte trotzdem etwas Mühe damit. Den Wodka danach hatte ich mir verdient.

Start: N 63° 5' 33.8" O 138° 15' 13" um 09:20
Ziel: N 63° 8' 2.6" O 138° 46' 28.5" um 16:55
Distanz: 40.200 km
Fahrzeit: 01h 25’
vø: 28 km/h

Donnerstag, 20. Februar 2003

Erste Geschenke & "Teepause"


Kinder in Toplykljutsch

Heute war Pauls erster Einsatz als Koch. Die Pelmeni (Teigtaschen) in Bouillon erfüllten Pauls Anforderungen an sich selbst noch nicht. Mir schmeckten sie.

Die Fahrt ging durch Hügel hinunter zum Aldan. Der Weg folgte diesem Fluss entlang und hin und wieder auch darauf nach Chandyga, einer Goldgräberstadt. In Chandyga versuchte Wassili auf der Miliz (Polizei), eine Lizenz zu bekommen, damit er sein Gewehr mitnehmen durfte. Ich hatte Lust auf ein Glace und besorgte Mineralwasser für die Gruppe.

Kaum mehr als zwei Kurven und 60 Kilometer östlich befindet sich das Dorf Toplykljutsch mit dem Flughafen von Chandyga. In der Schule verteilten wir zum ersten Mal Geschenke an die Kinder der ersten bis vierten Klasse. Als Dank erhielten wir ein Klebebild mit einem Renntier und dem Nordlicht.

Toplykljutsch ist die Heimat von Wassili. Er führte uns in seine Wohnung und ging die Wachtowkas tanken. Seine Tochter sollte uns Tee machen. Diese genierte sich aber zu stark und wir bekamen nichts. Der Fernseher unterhielt uns mit einem Kriegsfilm aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs oder dem Grossen Vaterländischen Krieg, wie er in Russland heisst.

Das Nachtlager schlugen wir bei einer ehemaligen Meteostation östlich von Raswilka auf. Paul zauberte ein nahrhaftes Plow mit Karotten auf dem Gaskocher. In der Nacht liessen wir ein Fenster offen, was für ein besseres Schlafklima sorgte. Leider wurden auch Abgase des Lastwagen angesogen. Wegen der Kälte müssen diese stets angelassen bleiben. Dieses Problem sollte uns noch bis ans Ende der Fahrt begleiten.

Start: N 62° 38' 44.4" O 133° 48' 25.4" um 09:00
Ziel: N 63° 5' 33.8" O 138° 15' 13" um 19:50
Distanz: 285.500 km
Fahrzeit: 07h 18’
vø: 39 km/h